Das Lachen des Bildes

Für die Gefangenschaft in einem Laden oder einer Galerie bin ich nicht geschaffen. Auch wollte ich niemals meine Zeit in einem verstaubten Antiquitätengeschäft und dessen eigensinnigem Besitzer vertrödeln. Ich spürte schon immer den unbändigen Wunsch nach Wind und Wärme in mir, nach Geräuschen und Gerüchen. Aber es war anders gekommen.

Seit Monaten hing ich an dieser schäbigen Wand und langweilte mich tödlich, bis eines Tages der Drang nach Freiheit so groß war, dass ich jedes Mittel einsetzen wollte, um aus dieser misslichen Lage auszubrechen. Deshalb schaukelte ich, wann immer es möglich war, heftig hin und her und hoffte, mich endlich von der Wand und dem rostigen Nagel, dem verstaubten Laden und auch von Abdul zu befreien. Irgendwann trieb ich es wohl zu bunt, denn als Abdul, dem ich von Anfang an ein Dorn im Auge war sah, dass ich wieder schief an der Wand hing, da drohte er: »Wage es nicht!«

Mindestens ein Mal am Tag hielt er mir vor, dass er mich nur aus reiner Gefälligkeit und Nächstenliebe meinem Vorbesitzer, angeblich einem armen Schlucker, abgekauft hat. Wenn er besonders schlecht drauf war, warf er mir vor, er hätte gleich gewusst, dass er mit mir nur Ärger haben und niemals einen Käufer finden würde. Das verstand ich nicht. Ich war stolz auf mich. Wo fand man denn heute noch ein echtes Ölbild, Baumkrone im Hintergrund, bauschig weiße Wolken auf azurblauem Himmel, Ackergaul mit Pflug auf braunglänzender Scholle´.

Die Leute hatten doch heutzutage alle keinen Geschmack mehr. An diesem Tag, als Abdul sich liebevoll seinen anderen Schätzen widmete, begann ich erneut hin und her zu schaukeln. Als er mich wieder nicht beachtete, protestierte ich:

»Wenn du mich nicht sofort an eine andere Wand nagelst, dann…«

»Dann? Was dann?«, fragte Abdul mit rauer Stimme. »Zuerst wolltest du nicht neben der Türe hängen, dann passte dir der Rahmen deines Nachbarbildes nicht. Und jetzt? Was ist es diesmal?« Gleich würde er über sein Bärtchen streichen. Das tat er immer, wenn er nervös und ungeduldig wurde. »Sind wir hier auf dem Bazar, wo jeder machen kann was er will? Für etwas wie dich, merke dir das gut, für etwas wie dich, gibt es in meinem Laden keinen besseren Platz.« Ich war sprachlos. In dieser Weise hatte Abdul noch nie zu mir gesprochen. Dennoch ließ ich mich nicht beirren.

»Häng mich doch an einen Platz, an dem meine Farben endlich auch mal richtig in der Sonne leuchten!« »Du bleibst dort hängen, wo du bist«, sagte Abdul, besiegelte seine Worte mit einem entschlossenen, »basta!«, widmete sich weiterhin dem Abstauben von Bilderrahmen und Skulpturen und ließ mich mit meinem Zorn einfach an der Wand hängen. Er würde schon sehen! Wütend begann ich, mich in meinem Rahmen zu dehnen und zu recken.

»Lass es sein, es wird dir nichts nützen. Du bist in deinem Rahmen gefangen und gehörst mir, bis ….« Bis in alle Ewigkeit, vollendete ich insgeheim meine Befürchtung.

Niemals!! Ich musste ihm – und mir sofort das Gegenteil beweisen. Mit aller Kraft blähte ich mich auf und zog mich wieder zusammen, bis meine Ölfarbe in den Ecken Risse bekam, zersprang und schließlich abblätterte. Die Wolken türmten sich auf, der Baum schwang seine Äste durch die Luft, Blitze zuckten über den finsteren Himmel, der Ackergaul scheute und die braune Scholle schwoll an. Nach zwei Sekunden war der Spuk vorüber.

Bemerkte Abdul davon wirklich nichts? Zärtlich fuhr er mit dem Staubtuch über seine geliebten Kostbarkeiten, bis die arrogante Meißner Gestalt hüstelte und das verweichlichte Hummelknäblein niesen musste. Und als wäre nichts geschehen, sprach er mit melodischem Klang, denn er hörte sich gerne reden: »Schau dir die anderen Exponate an. Jedes hängt oder steht an seinem Platz und ist zufrieden. Nimm dir ein Beispiel an ihnen und bedenke ein für alle mal, dass du hier im Laden wahrhaft das Unscheinbarste bist.«

Abdul hatte mich von Anfang an spüren lassen, was er von mir hielt. Und dass ich bei ihm nichts zu lachen haben würde, war mir auch bald klar geworden. Kürzlich hatte ich ihn bei einem Gespräch beobachtet und belauscht. Er deutete auf ein Bild und riet dem Kunden, er solle sich lieber jenes genauer anschauen. Danach zeigte er auf mich und flüsterte, ich sei für jedes geschultes Kunstauge eine regelrechte Zumutung.

Dann hob er bedauernd die Schultern und schob den Kunden mit einer Verbeugung in die andere Richtung, denn Abdul war ein höflicher Mensch. Jetzt aber erlebte ich ihn zum ersten Mal ungehalten. Er holte tief Luft und strich mit dem Zeigefinger über sein Bärtchen.

»Du bist nicht nur das unscheinbarste«, schnaubte er, » sondern auch das einzige Bild, das mir inzwischen richtig auf die Nerven geht. Langsam fällst du mit deinen unverschämten Forderungen wirklich aus dem Rahmen!«

Als hätte er das erlösende Stichwort gegeben, stieß ich mich mit aller Kraft von der Wand ab und landete mit lautem Knall auf den Fliesen. Dann war es ganz still im Laden. Die arrogante Meißner Gestalt saß wie erstarrt, dem Hummelknäblein war das Hündchen vom Schoß gerutscht – und Abdul hatte vor Schreck das Staubtuch fallen lassen. An der Wand hing nur noch der leere Rahmen. Ich jedoch verließ hoch aufgerichtet den Laden, hinaus in Licht und Freiheit…

…und als ich mich noch einmal nach Abdul umdrehte und sah, wie er mit offenem Munde und zitterdem Bärtchen hinter mir her starrte, da musste ich plötzlich ganz laut lachen.