Daunenkleber

Niemand hat etwas gegen Sommerurlaub daheim. Es ist der Zustand plötzlich eintretender Einsamkeit, der dich jäh wie eine Sommergrippe anfällt und in den Knochen sitzt, dass du dich am liebsten in deinen vier Wänden verkriechen würdest. An der Stille vor deinem Haus, der Stille des Telefons und deiner Türklingel wird dir erst wirklich bewusst, dass all deine Nachbarn und Freunde, Kollegen und Verwandten verreist sind. Diese bittere Erkenntnis hat zur Folge, dass du in ein tiefes Loch fällst. Je nach Charakter hält dieses Tief verschieden lang an und früher oder später stellt sich jedem die Frage: Was fängst du mit dir und deiner ungewohnt freien Zeit an?

Drei lange Wochen liegen vor dir, du musst nichts überstürzen. Überlege in aller Ruhe, was alles zu tun ist. Soll heißen: Was hast du das ganze Jahr über schleifen lassen? Fünf leidige Aufgaben fallen dir ohne groß nachzudenken ein: Fenster putzen und Keller aufräumen, die Steuer nachreichen und den Sperrmüll vom Balkon abtransportieren – und natürlich endlich mal Tante Liesbeth besuchen.

Du bist noch ein wenig geschockt von all den Erkenntnissen, was dich regelrecht blockiert. Deshalb setzt du dich in deiner alten Zottelwolljacke, Modell `toter Hund´, in dein ausgekühltes, vier Meter hohes Altbauwohnzimmer an den PC und erstellst eine Agenda. Montag dies, Dienstag das, Mittwoch jenes. Du bist ein gewissenhafter Mensch und deshalb brauchst du für diese Tätigkeit mehrere Tage, während draußen die Sonne scheint und die Temperaturen eine Fahrradtour oder einen Stadtbummel mit Besuch im Straßencafé zuließen.

Am späten Donnerstagvormittag ist die Agenda schließlich vollendet und liegt ausgedruckt, in einwandfrei laminiertem Zustand vor dir auf dem Couchtisch, der inzwischen von diversen Zeitungen und überquellendem Aschenbecher belagert ist. Zufrieden schaust du auf dein Werk herab. Es verleiht dir das Gefühl, einen Großteil der Arbeiten schon erledigt zu haben. Wohlig erschöpft pellst du dich aus der `Toter Hund´ Wolljacke, die inzwischen nicht nur wie ein Kadaver aussieht, sondern auch dessen Geruch angenommen hat. Ein Blick durch die blinden Fensterscheiben erweist sich als Entscheidungshilfe; gerade fängt es an zu tröpfeln.

Laut deiner Agenda ist bei schlechtem Wetter Keller angesagt. Mit der kampferprobten Wolljacke begibst du dich, mit Müllsäcken, Besen und Putzeimer bewaffnet, in die muffige Unterwelt deines Altbaus. Dein Handy steckst du in die Jackentasche, für den Fall, dass sich doch noch einer meldet. Vergiss es! Außerdem hast du dort unten gar kein Netz. Diese Überlegungen ziehen dich zunächst ein wenig runter. Aber du beißt die Zähne zusammen. Du packst das. Wäre doch gelacht.

Mit deinem ganzen Gewicht, und das ist gar nicht wenig, wirfst du dich gegen die Kellertüre. Sie muss durch Umzugskartons, aufgerollte Teppiche und ausrangierte Sitzgruppenteile verbarrikadiert gewesen sein. Jetzt massierst du die schmerzende Schulter und fragst dich, wer all den Müll bei dir abgestellt hat. Da dir das eine oder andere Stück bekannt vorkommt, verzichtest du auf die Antwort.

Nach etlichen Stunden in der Unterwelt, betrachtest du stolz dein Werk. Alle Teile sind ordentlich ineinander, aufeinander und nebeneinander gehortet, nur – der Keller ist noch genauso voll wie zuvor. Entschlossen verlässt du diesen undankbaren Ort der Unlösbarkeit und widmest dich einem weiteren Punkt deiner Liste. Plötzlich macht dein Herz einen Sprung; dein Handy piepst. Es war eine Werbe SMS der Telekom. Sonst will niemand etwas von dir.

Und so ziehen die Urlaubstage dahin, die To-do Liste wird immer kürzer und eine dumpfe Zufriedenheit hüllt dich ein.

Während deine oberflächlich veranlagten Freundinnen sich an diversen Badebuchten Hautverbrennungen zweiten Grades einhandeln und von Möchtegerngigolos den Rücken eincremen lassen, liest du zu Hause am Küchentisch, dass die Vergangenheit wie ein ausgebreiteter Fächer vor dir liegt, derweil hinter deinem Rücken klammheimlich die Zukunft auf der Lauer liegt. Dies ist für dich die gleiche bahnbrechende Neuigkeit wie damals als Kind, lange vor der ersten Raumfahrt, als du erfuhrst, dass die Kapern auf deinem Reis, nicht das Gleiche waren wie die Kaulquappen in Tante Lisbeths Teich.

Gedankenverloren fährst du mit dem Finger dem Muster der Wachstischdecke nach, da entdeckst du auf dem Obstteller eine wahre Invasion geschlechtsreifer Fruchtfliegen. Eigentlich bist du tierlieb, bugsierst jede Spinne wieder aus dem Fenster und in den Efeu, der am Haus hoch wächst, aber in diesem Fall hilft nur der Sauger. Mit Kampfesgeist stellst du auf stärkste Kraft und saugst die Biester in der Luft, an der Wand, auf Küchentüren und Zierleisten. Du gibst dich erst geschlagen, als dir Bananen und Kiwis vor die Flinte kommen und dadurch arg in Mitleidenschaft gezogen werden. Allein die Äpfel widerstehen der Saugkraft und kullern zu Boden. Jetzt spielt die Katze damit.

Draußen regnet es noch immer. Du machst das Licht an. Im Hochsommer um halb drei! Entweder du raffst dich jetzt auf, ziehst dir Regenmantel und Gummistiefel an und gehst ins Naturvölkermuseum, was du schon seit Jahren schiebst, oder du widmest dich deinen Näh- und Flickarbeiten aus dem späten 20. Jahrhundert. Wenn dir das auch nicht zusagt, kannst du immer noch den Kühlschrank reinigen und die Eier abwaschen. Rewe hat nämlich unlängst einen frustrierten Daheimurlauber als Daunenkleber eingestellt. Toller Trick, damit deren Billigeier nach Bio Hof und Bodenhaltung aussehen. Das passt dir auch nicht? Dann warte auf kommenden Montag, da ist dein Urlaub sowieso vorüber. Und nächstes Jahr fliegst du halt auch nach Malle.