Super Story

»Die ganze Spökenkiekerei ist nur wirklich reichlich abgenudelt. Wir brauchen `was total abgefahren Reales von der Insel. Also, lass dir was einfallen, Häschen«, so mein Chefredakteur. Ich war ziemlich verzweifelt, dennoch wild entschlossen, eine super Story nach Hause zu bringen. Schließlich brauchte ich die Tantiemen. Wenn hier gar nichts ging, konnte ich mich, wie schon so oft, immer noch auf meine Phantasie verlassen. Raus aus der Redaktion, gesunden Wind um die Nase und das Gefühl von ein bisschen Urlaub konnte niemandem schaden.
Ich war schon früh am Morgen unterwegs und der Wind trieb mir Tränen in die Augen. In gebeugter Haltung stemmte ich mich gegen die Böe und hätte beinahe eine alte Frau umgerannt. Als ich zu ihr aufblickte, schaute ich in eiskalte Augen. Mit einem Achselzucken, dass sie für Bedauern halten konnte, ging im Bogen um sie herum fort, balancierte auf zwei Steinen um nicht in der feuchten Erde auszurutschen und setzte meinen Weg zügig fort. Von hinten spürte ich ihren stechenden Blick zwischen meinen Schulterblättern.
In der Nähe der Klippe setzte ich mich ins Gras und ließ meine Gedanken bis ans Ende des Himmels schweifen, als ob von dort die Erleuchtung über etwas `total Abgefahrenes´ käme. Während ich mich den Lichtreflexen und der Vereinigung von Himmel und Wasser hingab, vergaß ich die Begegnung mit der Alten.
Vom Wind kräftig durchpustet, mit klarem Kopf und einem Gefühl, als seien all meine Sinne `gereinigt´, kehrte ich in die Pension zurück.
Hoch aufgerichtet saß sie Alte in einem geflochtenen Sessel und bedeutete mir, an ihrem Tisch Platz zu nehmen. Überrascht sah ich, dass die Kälte in ihren Augen einer Melange aus Melancholie und Müdigkeit gewichen war. Vielleicht lag das an der Seeluft und der Schönheit dieser Insel. Vielleicht hatte aber auch nur der Grog das Weiche in ihren Blick gezaubert.
»Sie kennen sich schon?«, fragte die Wirtin. »Frau Hansen ist seit dreißig Jahren bei uns zu Gast«, sagte sie und brachte auch mir einen Grog. Die alte Dame sprach kein einziges Wort. Mit geschürzten Lippen nippte sie an ihrem heißen Getränk und sah in die Ferne. Abends rief die Redaktion an und fragte, ob ich schon einen Aufmacher hätte. Die haben Nerven, dachte ich. Hier in dem Kaff geht gar nichts.
Am nächsten Morgen war ich in aller Frühe draußen. Nieselregen sprühte mir entgegen und ich verkroch mich in meiner Jacke. Als ich den Weg zur Klippe eingeschlagen hatte, erkannte ich aus der Ferne die Gestalt. Frau Hansen stand am Abgrund und schaute in die Tiefe. Der Wind zerrte an ihrem Mantel und das gestreifte Kopftuch flatterte wie die Fahne am Bug eines Schiffes. Sie bemerkte mich erst, als ich dicht hinter ihr war. Mit einem Ruck drehte sie sich um, nickte mir kurz zu und schlug dann den Weg in Richtung Häuser ein.
Nach einer Stunde kehrte ich durchnässt und verfroren, aber ohne jegliche Inspiration in die Pension zurück. Die Wirtin grinste mir freundlich entgegen.
»Möchten Sie einen Grog«, fragte sie und deutete einladend auf die Eckbank. Frau Hansen war nicht da. Ich war erleichtert, denn ich wollte meine Gedanken formen, sie hin und her spielen, wie Ping Pong Bälle und etwas Gigantisches zusammen spinnen. Dazu brauchte ich Ruhe.
Ich schlief schlecht in dieser Nacht. Öffnete das Fenster, sah den Mond, wie er von Wolke zu Wolke huschte, hörte die Brandung an die Felsen dröhnen. Die Nacht war hell und mild. Ich schlüpfte in die Turnschuhe, streifte die Windjacke über den Pyjama und bemühte mich, leise über die knarrenden Dielen zur Haustüre zu gelangen. Irgendetwas zog mich hinaus. Die würzige Luft ließ mich hellwach werden. Unbewusst ging ich in dieselbe Richtung, die ich am Tag zuvor eingeschlagen hatte. Und schon hatte ich den Weg zu den Klippen erreicht.
Von weitem sah ich sie stehen. Kerzengerade, unbeweglich. Nur der Wind zerrte an ihrem Mantel und ließ das Kopftuch flattern. Unentwegt schaute sie in den Abgrund. Mit wenigen Schritten war ich bei ihr.
»Frau Hansen«, sprach ich sie behutsam an. Sie drehte sich zu mir um, als hätte sie mich erwartet. Der Mond schien hell und ich konnte ihr Gesicht erkennen.
»Denken Sie nur nicht, sie hätten mich erschreckt«, sagte sie, als könne sie Gedanken lesen. »Aber Sie mich!«, erwiderte ich.
»Ich wusste, dass sie kommen würden«, sagte sie unbeeindruckt, ließ sich in das trockene harte Gras nieder und ich setzte mich unaufgefordert zu ihr. »Was machen sie denn mitten in der Nacht€¦?«
»Ich bin oft hier draußen«, fiel sie mir ins Wort.
»Ist alles in Ordnung mit Ihnen?«, fragte ich, weil mir nichts Besseres einfiel. Sie nickte.
»Ja, ja. Alles in bester Ordnung.«
»Ist Ihnen nicht kalt?« Sie sah mich von der Seite an. »So alt bin ich noch nicht, dass Sie mich betütteln müssten.« Dann schwiegen wir, schauten auf die weiße Gischt unter uns und hörten dem Tosen der Gewalten zu.
»Jung gefreit, nie bereut, hat er immer gesagt.«
Aha, jetzt fängt sie an zu reden, dachte ich und ärgerte mich, mein Diktaphon nicht dabei zu haben. Wer weiß, vielleicht hätte sie mir unbewusst bei meiner Arbeit helfen können? Aber sie saß nur da, schaute in die Tiefe und schüttelte immer wieder den Kopf. Ich unterdrückte ein Gähnen.
»Ich habe ihn geliebt«, sagte sie plötzlich. »Ja, das kann man wohl sagen. Sechzehn war ich und er achtzehn, als wir heirateten. Unsere Eltern fanden das richtig so. Die Höfe haben sich ergänzt! So hat man das damals genannt. Der eine Hof hatte viel Land und Pferde, aber eine Menge Schulden. Der andere hatte das Geld.«
Bitte nicht, dachte ich. Das hatten wir doch alles schon hundertmal. Warum bin ich nicht in meinem warmen Bett geblieben?
»Gleich im ersten Jahr zog er mit einer Künstlerin und deren Staffelei durch unsere Wälder. Das Ganze hat nur ein paar Wochen gedauert. Sie ist kurz darauf gestorben. Da hat er getrauert, mein geliebter Albert. Das hätten Sie erleben sollen. Haben Sie Kinder?« Ich war derart verblüfft, dass ich nicht gleich reagierte.
»Haben Sie, oder haben Sie nicht?« Trotz ihres fordernden Tones schien sie keine Antwort zu erwarten. »Er wollte keine. Wir seien selbst noch Kinder, hat er immer gesagt.« Sie atmete tief, es klang wie ein Seufzen. Ich wartete, dass sie sich erheben würde. Stattdessen zog sie den Mantel fester um sich.
»Das ging dann so weiter. In regelmäßigem Turnus von, sagen wir mal, zwei Jahren.« Sie lachte bitter. »Eine Lehrerin, eine Zureiterin, eine Küchenhilfe, und so weiter und so weiter. Je älter er wurde, desto jünger wurden sie.«
Ich hielt die Hand vor den Mund und gähnte. Das war zwar eine reale aber absolut keine `abgefahrene Geschichte´, wie sie sich mein Chef vorstellte. Alles schon zig- Mal da gewesen, beschrieben, besungen und erzählt. Abgenudelt, hätte er gesagt. Und eigentlich hatte ich überhaupt keine Lust€¦
»Mit der Zeit hat es mir nicht mehr viel ausgemacht, weil sie ihm nicht viel bedeutet haben. Wenn es wieder mal vorüber war und er in meinen Armen lag, damit ich ihn tröstete, sagte er immer, ich liebe nur dich. Du bist die Einzige, die Wahre in meinem Leben.«

Ich machte mich auf eine lange Nacht gefasst. Die Feuchtigkeit kroch an mir hoch. Hätte ich nur die dicken Socken angezogen. Der Mond strahlte auf uns herab, auf die Insel, den Felsen und die schäumende Gischt unter uns. Wehmütig dachte ich, dass mit einer anderen Geschichte und in anderer Gesellschaft dies die Nacht der Nächte hätte sein können. Frau Hansen fuhr unbeirrt fort.
»Mit der Zeit nannte ich seine Affären nur noch `Fall Drei oder Vier´.« Sie zögerte einen Augenblick, bevor sie weiter sprach. »Wissen Sie, was ganz besonders eigenartig war? Aber das ist mir auch erst nach Fall Sechs bewusst geworden€¦«
Sie hatte zuletzt geflüstert und nachdem sie nicht weiter sprach sagte ich artig, »nein, was denn?«
»Alle sind gestorben. Alle. Eine nach der anderen. Was sagen Sie jetzt?« Sie schaute mich von der Seite an und mir fiel auf, wie jung sie auf einmal aussah.
»Da steckt doch ´was dahinter. Es ist ein Fluch! Er verliebt sich in sie – und wenn er sie verlässt, dann sterben sie!« In ihren Augen flackerte etwas Dunkles, etwas Grauenvolles.
»Letzte Woche hat er mich hierher bestellt. Wir müssen etwas klären, hat er gesagt. Seit Wochen hat er hier bei ihr gewohnt. Bei Fall Nummer 22!« Sie lachte und plötzlich fühlte ich mich in ihrer Gegenwart ganz unwohl. Es strömte etwas Eisiges von ihr aus. Ich wusste nicht, was ich von all dem halten sollte. Mir war kalt und ich war viel zu müde, um hier und jetzt Dingen auf den Grund zu gehen, die mir äußerst skurril vorkamen. Solche Geschichten machten mir Angst. Daher auch mein Spitzname. Häschen, von Angsthase.
»Sollten wir nicht langsam aufbrechen?« Demonstrativ zog ich meine Schnürsenkel nach.
»Hören sie nicht richtig zu?«, keifte sie mich an und ich erschrak über ihren Tonfall. Ihre Augen glänzten im Mondlicht, wie ein Stück Gletscher.
»Sie hören gar nicht richtig zu. Da stören Sie mich in meinen Gedanken – und jetzt hören Sie nicht mal richtig zu!« Sie hatte mich so angeherrscht, dass mir die Luft weg blieb. Also, das hatte ich wirklich nicht nötig. Zuerst mitten in der Nacht am Abgrund stehen, dann eine Idiotengeschichte auftischen und mich dann noch anmachen – das war zuviel. Die spinnt doch, dachte ich wütend, stand auf, klopfte meine Jacke ab und ging einfach davon.

Der Mond hatte sich inzwischen hinter den Wolken versteckt. Vorsichtig setzte ich auf dem schmalen Pfad einen Fuß vor den anderen. Plötzlich schrie sie hinter mir her: »Ich habe ihn trotzdem geliebt, hören Sie? Bis zum Schluss! – Ich wollte nicht wie alle Anderen enden!« Ihre Stimme überschlug sich und das aufbrausende Meer und der Wind zerfetzten ihre Sätze, die ich nicht zusammenreimen konnte – und auch nicht wollte. Nach wenigen Schritten drehte ich mich doch noch einmal nach ihr um – aber ich konnte sie nicht mehr sehen. Es war zu dunkel. Eilig ging ich zur Pension zurück.

Am nächsten Morgen spazierte ich nicht hinaus. Ich hatte keine Lust mehr auf Frau Hansen, und ihre Geschichten. Sie waren nicht verwertbar für mich. Ich würde hier in diesem toten Kaff wieder einmal meine Phantasie bemühen müssen. Vor der Haustüre räkelte ich mich wie eine Katze und überlegte, wie ich vorgehen wollte. Da trat die Wirtin mit einem Glas in der Hand neben mich und fragte, ob ich auch einen Schnaps wollte.
»Um Gottes willen, ich habe ja noch nicht mal gefrühstückt«, lachte ich, aber sie schaute mich verwundert an. »War´ n Sie denn heute noch nicht an der Klippe?«
Wortlos schüttelte ich den Kopf und wusste im gleichen Augenblick, dass etwas Entsetzliches geschehen sein musste.
»Ein paar Spaziergänger haben heute Morgen eine weibliche Leiche unten an den Klippen gefunden. Alles zerschmettert. – Fallen sie mir jetzt bloß nicht um«, sagte sie und drückte mich auf den Holzstoß neben der Tür. »Es kommt nämlich noch ´was. Die Polizei hat ein paar Hundert Meter weiter einen alten Mann aus dem Wasser gefischt. Der soll aber mindestens seit `ner Woche drin gelegen sein. – Was ist das nur für eine Zeit«, stammelte sie, wischte sich über die Augen und jammerte: »Zwei Tote, hier in unserem Nest, auf unserer schönen Insel, wo sonst nie ´was passiert. Und jetzt alles an einem Tag – das macht mir das ganze Geschäft kaputt.« Als ich aufsprang und nur an Kofferpacken und die nächste Fähre dachte, da rief sie mir nach, »woll´ n Se jetzt vielleicht doch´n Schnaps?«

Ein Kommentar zu Super Story

  1. Horst sagt:

    Das Interesse ist geweckt!
    Gruß Horst

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