Verschollen

Mit zitternden Händen hatte Anne den Brief gelesen. Unfähig, eine einzige Regung zu tun, saß sie kerzengerade am Küchentisch und hatte das Gefühl, etwas drücke ihren Brustkorb zusammen, sodass sie kaum ein und wieder ausatmen konnte, etwas, was ganz automatisch geht und nicht vom Willen gesteuert wird.

Sie bemerkte auch nicht, wie ihr der Brief aus der Hand glitt und auf den Boden fiel. Zeilen auf billigem Briefpapier. Kleine, gedrungene Buchstaben ohne Höhen und Tiefen, eine Schrift, an die sie sich nur blass erinnerte.

Dieser Brief hatte ein längst vergessenes Kapitel ihres Lebens aufgeschlagen, ein fest verschnürtes Paket rücksichtslos aufgerissen und den Inhalt schonungslos offenbart.

Anne fuhr mit dem Zeigefinger das Muster der Wachstuchdecke nach. Hin und her, immer wieder. Sie bückte sich nicht nach dem Brief. Eigentlich wollte sie ihn nochmals lesen, um ein Missverständnis auszuräumen, um sich noch einmal zu vergewissern, aber sie wusste, dass sie den Inhalt voll erfasst hatte. Außerdem widerstrebte ihr, diese Schrift, die sie nur von kleinen Notizzetteln kannte, noch einmal anzuschauen. Worte, die an Larmoyanz und Selbstmitleid nicht zu übertreffen waren und die Anne wie Schlingpflanzen umfingen und in die Tiefe zogen.

Sieben war sie damals gewesen und konnte gerade lesen und schreiben. Jeden morgen, wenn ihre Mutter noch schlief und Anne einen kalten Becher Milch trank und sich das Pausenbrot strich, fand sie die kleinen bunten Notizzettel am Kühlschrank. Aufträge, Befehle in gedrungener Schrift, eine Schrift, die sie anfangs kaum entziffern konnte.

Hol dies – erledige das – geh nach der Schule zu Tante Sophie – bleib dort, bis sie dich am Abend nach Hause bringt – sei ein braves Kind.

Niemals stand etwas Liebes darauf, so etwas wie, ich wünsche dir viel Glück beim Diktat, oder, viel Spaß bei Tante Sophie im Garten, oder, alles Gute zum Geburtstag. Damals hatte Anne all das gar nicht vermisst. Sie kannte nichts anderes.

Anne erfuhr nie etwas Genaues über ihre Mutter. Wozu auch sollte das Kind wissen, dass sie in einer zwielichtigen Spelunke im Hafenviertel als Bardame arbeitete und sich Nelly nannte.

Nelly war beliebt bei jedem, der dort ein und aus ging. Sie hatte Kontakte mit Leuten, die ihr Kaffee und Zigaretten schenkten und auch mal Schokolade, die sie Anne nach Hause brachte. Sie selbst achtete auf ihre Figur. Anne erinnerte sich an makellos lackierte Fingernägel, an unzählige bunte Plastiklockenwickler, die überall im Bad herumlagen.

Sie erinnerte sich an Flakons mit umhäkelten Zerstäubern, aus denen sich die Mutter süßlichen Duft hinters Ohr und ans Dekolleté sprühte. Anne sah ihr immer fasziniert zu, wenn sie sich für die Arbeit zurecht machte, unzählige Kleider aus dem Schrank zog und eines nach dem anderen unschlüssig aufs Bett warf, bis sie das richtige gefunden hatte.

»Was stehst du herum, räum´ das wieder ein«, sagte sie dann und entschärfte ihren Ton durch ein bezauberndes Lächeln. Anne bewunderte ihre Mutter, weil sie so schön war und gehorchte.

Eines Tages hatte Anne, wie jeden Morgen, leise die Tür zum Schlafzimmer geöffnet. Sie sah ihre Mutter gerne an, wenn sie schlief und das rotblonde Haar wie ein Fächer auf dem Kissen lag, die Augenlider im Schlaf zuckten und das sanfte Licht der Vorhänge ihr Gesicht milde erscheinen ließ. Diesmal war das Bett unberührt. Anne rannte in den Flur, nahm den großen, schwarzen Hörer von der Gabel und las eine siebenstellige Nummer ab, die auf die Tapete über dem Telefontisch gekritzelt war. Als sich Tante Sophie meldete, fing sie an zu weinen. Wenig später läutete es an der Tür. Gleichzeitig hörte sie Tante Sophie rufen, »mach auf Anne, ich bin´s.«

Die Tante nahm sie in den Arm, fuhr ihr übers Haar, packte zwei Köfferchen mit ihren Habseligkeiten und nahm sie mit zu sich nach Hause.

»Heute brauchst du nicht in die Schule«, sagte sie und Anne war erstaunt. Sie war es nicht gewohnt, Fragen zu stellen, sondern fügte sich in die neue Situation. Erst nach Tagen erkundigte sie sich, wo die Mutter sei und warum sie abends nicht nach Hause gebracht wurde. »Deine Mutter ist geschäftlich verreist«, erklärte die Tante und strich ihr seufzend über den Kopf.

Der Sommer kam, Anne fühlte sich wohl im Haus der Tante, im Garten mit den Stechnelken und Heckenrosen. Mit den Seilen am Pflaumenbaum, die ein Brett hielten und als Schaukel dienten. Stundenlang saß sie dort und ließ die Beine im Rhythmus hin und her schaukeln.

Die Tante schrieb keine Zettel. Sie redete mit Anne, bereitete ihr morgens das Frühstück und erwartete sie nach der Schule mit dem Essen. Sie brachte ihr einfache Übungen auf dem Klavier bei, sie sang mit ihr und hielt ein wachsames Auge auf die schulischen Leistungen. Anne wurde eine Geborgenheit zuteil, die sie noch nie zuvor erlebt hatte. Sie fragte nie mehr nach ihrer Mutter.

An einem heißen Sommertag legte die Tante das dunkle Kostüm heraus und bat Anne, ihr den Faltenrock und die weiße Bluse zum Aufbügeln zu geben. »Morgen müssen wir aufs Gericht«, sagte sie.

Die beiden saßen in einem holzgetäfelten, hohen Raum. Hinter dem Schreibtisch thronte ein freundlicher Herr mit Armschonern und Nickelbrille. Anne begrüßte den Mann mit einem Knicks, die Tante unterschrieb viele Blätter und hörte ihm aufmerksam zu. Hin und wieder beantwortet sie seine Fragen und blätterte in ihren mitgebrachten Unterlagen. Nach einer kleinen Ewigkeit verließen sie den düsteren Ort und traten in den Sonnenschein hinaus. Die Tante hatte plötzlich Tränen in den Augen, nahm Anne ganz fest in den Arm und sagte, »jetzt haben wir uns ein Eis verdient.«

Nach dem Abitur machte Anne eine Ausbildung zur Buchhändlerin. Tante Sophie und sie verstanden sich prächtig, obgleich Sophie erste Anzeichen des Alters zeigte. Anne übernahm immer mehr häusliche Aufgaben und Sophie zog sich zunehmend in sich zurück.

Sie hatte den richtigen Zeitpunkt verpasst, Anne die Wahrheit über ihre Mutter zu sagen und an dieser Last trug sie schwer. All die Jahre waren voller Harmonie, gegenseitiger Sorge und Liebe zwischen ihnen gewesen. Sollte sie jetzt mit einer vagen Erinnerung an Nelly alles zerstören? Sie hatte schließlich den Kampf mit Jugendämtern und Rechtsanwälten auf sich genommen – und gewonnen. Nachdem Annas Mutter drei Jahre verschollen war, hatte Sophie aus rechtlichen Grünen, auch des Kindes wegen, Nelly für tot erklären lassen. Sie liebte Anne wie ihr eigenes Kind und würde sie auch nach ihrem Tod als solches bedenken. Vor Jahren schon hatte sie ein Testament zugunsten von Anne, ihrer einzigen Angehörigen, gemacht.

Anne saß noch immer regungslos am Küchentisch. Das war zu viel auf einmal. Vor zwei Wochen der Tod der geliebten Tante – und jetzt das! Wieso hatte sie sich nie, wie andere Kinder, die von ihren Eltern getrennt worden waren, gefragt, was aus dieser Frau, ihrer Mutter, geworden war? Sie hatte sie einfach vergessen.

Anne stützte den Kopf in die Hände. Wie hatte Nelly vom Tod ihrer Schwester Sophie erfahren, wenn sie seit Jahren im Zuchthaus saß? Anna bückte sich nach dem Brief und zwang sich, den Schluss des Briefes doch noch einmal zu lesen. Die Buchstaben verschwammen vor ihren Augen, als sie von Nellys desaströser Liebe zu Pedro erfuhr, sie würde sich doch sicher an Onkel Pedro erinnern. Sie schrieb von dem Schuss, der sich versehentlich löste und Pedro mitten in die Brust traf, den katastrophalen Zuständen Südamerikanischer Gerichtsbarkeit, den verheerenden Zuständen dortiger Gefängnisse und schließlich von der bevorstehenden Entlassung.

Sie las von der Vorstellung dieser Frau, den Rest ihrer Tage mit ihr, Anne, in Sophies Haus gemeinsam zu verbringen. Alt und krank wie sie sei, müsse Anne doch Erbarmen mit ihrer Mutter haben. Anne sei doch immer noch ihre Tochter und sie, Nelly, habe ihre Schuld gesühnt…

Mechanisch faltete Anne den Brief zusammen und steckte ihn ins Kuvert zurück. Dann sprang sie plötzlich auf, zog den großen Koffer vom Schrank und warf mit fahrigen Handbewegungen die erstbesten Kleidungsstücke hinein, packte die wichtigsten Unterlagen zusammen und verstaut sie mit den wenigen anderen Dingen, die ihr wichtig erschienen, in eine Reisetasche. Den Brief steckte sie in die Manteltasche. Ein Taxi brachte sie zum Hafen. Dort löste sie ein Ticket für die Fähre nach Oslo. Greta wollte sie von unterwegs anrufen. Als alte Schulfreundin würde sie Anne bestimmt vorübergehend bei sich aufnehmen.

Ein Makler sollte das gesamte Anwesen mit Mobiliar und allem verkaufen. Den Preis, den er erzielte und seine Provision, war Nebensache. Sie hatte einen Beruf und konnte sich auch sprachlich überall zu Recht finden. Erst wenn alles abgewickelt war, würde sie sich beim ihm melden. Ab sofort war sie für den Rest der Welt, vor allem jedoch für Nelly, unerreichbar. Verschollen.

Als die Fähre weit draußen auf dem Meer war, stellte sich Anne an die Reling, zerriss den Brief in tausend Teile und ließ sie vom Wind davon wehen.